(c) Hermann, 1999



Bardoks Herz schlug heftig gegen seinen Brustkorb. Und er hatte Angst, man könnte ihn in der finsteren Nacht hören. Er hatte sich in einer der dunklen Gassen versteckt. Die Garde suchte sicher schon nach ihm. Bardok hatte in einem Juweliergeschäft eingebrochen und hatte eine teure Goldkette gestohlen. Die dunkle Gestalt hinter der Kiste war vielleicht 18 Jahre alt und doch schon ein berüchtigter Einbrecher in Jangungen. Doch blieb Bardok nicht viel anderes übrig. Er war schon früh von seinen Eltern ausgesetzt worden wie ein Tier. Seitdem lebte er auf der Straße.

Doch vor zwei Monaten sollte diesem etikettenlosen, prügelnden und stehlenden Jüngling ein Mißgeschick passieren. Es war, als er gerade einmal im Stadtteil der Privilegierten herumging, um geeignete Verstecke für seine Einbruchstouren zu finden, als er mit einem jungen Mädchen in hellen Gewändern zusammenstieß.

"Mensch paß doch auf! Kinder...." sagte er abfällig, doch als sie ihn entschuldigend anschaute, und er ihr makelloses Gesicht ansah, spürte er ein ihm fremdes Kribbeln im Magen. Sie entschuldigte sich und rannte wieder zu den anderen Mädchen, als ein älterer Mann aus dem Innenhof die staubige Straße betrat und auf Bardok zuging.

"Junger Mann, zügeln sie ihre Lüsteleien und lassen sie die Finger von meiner Tochter!"

"Ich habe..."stotterte Bardok hervor.

"Vater, ich war Schuld an unserem Zusammenstoß, ihn trifft keine Schuld ." sagte das Mädchen.

"Du nimmst dieses...Ungeziefer auch noch in Schutz? Das ist doch kein Umgang für dich. Komm jetzt rein! Und sie Verschwinden!" fügte er für Bardok hinzu.

Das Mädchen blieb noch bei ihm stehen und reichte ihm die Hand, obwohl alle anderen das Haus betraten. "Ich heiße Illien. Mein Vater meint es nicht so. Sag mal, kaufen dir deine Eltern keine richtigen Anzüge?"

"Ich...ich habe keine Eltern mehr" sagte Bardok.

"Wo wohnst du dann?"

"Nirgendwo und Überall. Ich streune halt so herum."

"Komm doch heute abend durch den Bediensteteneingang in die Küche. Wir unternehmen dann was zusammen. Wie heißt du eigentlich?" fragte sie.

"Bardok" antwortete er. "Aber wo soll ......"

Doch Illien war schon im Hausportal verschwunden. Er trottete die Straße abwärts. Doch guckte er diesmal nicht nach irgendwelchen Verstecken oder Gassen. Er lief einfach und träumte vor sich hin.

Bardok schüttelte seinen Kopf:" Pah, so ein Kind wird mir nicht den Kopf verdrehen. Ich habe heut abend Besseres vor." Dachte er, doch ertappte er sich immer wieder dabei, wie er an sie dachte.

Natürlich ging er abends durch den Bediensteteneingang zu ihr. "Vielleicht kann ich was stehlen," sagte er sich "ich gehe doch nicht wegen ihr hierhin."

Doch in Wirklichkeit war es nicht so. Sie wartete schon auf ihn, als er die Küche betrat.

"Hallo", sagte sie "ich habe hier etwas zum anziehen für dich." Sie schleuste ihn durch den Palast, und Bardok hatte schon bald die Orientierung verloren, als sie plötzlich sagte: "Hier hinein."

Sie betraten einen kleine Raum. Bardok schien es, als ob er für Bedienstete war. Illien führte ihn in das Badezimmer, wo eine Magd auf sie wartete. "So, bade erst mal" sagte sie.

Bardok überlegte, wann hatte er sich das letzte mal gewaschen? Er wußte es nicht. Nach dem Baden zog er den Anzug an, den Illien ihm mitgebracht hatte. Er war aus Brokat und Seide. Die Magd, die, die ganze Zeit im Bad geblieben war, rasierte ihn und stutzte ihm die Haare.

"So" sagte Illien, " jetzt siehst du aus, als wenn du einer von uns wärst."

"Ist dein Vater Zuhause ?" fragte Bardok, der nicht im geringsten Lust hatte noch einmal an ihren Vater zu geraten.

"Nein, Stadtratsitzung" sagte sie "das dauert immer lange." Sie führte ihn wieder durch die Gänge in ihr Zimmer, wie sie ihm erzählt hatte. Nachdem sie die Tür aufgemacht hatte, fragte er sich, wie groß Zimmer werden könnten. Für ihn wäre dies, was sie Zimmer nannte, eine riesige Wohnung. Sie holte einen Bediensteten, und bestellte Essen. Die beiden aßen und redeten bis spät in die Nacht, als sie plötzlich Schritte auf dem Flur hörten, obwohl die Bedienstschaft schon auf den Zimmern sein müßte. Sie machte die Kerzen aus und legte sich ins Bett. Bardok versteckte sich im Badezimmer. Ihr Vater betrat den Raum, und roch natürlich die erst vor kurzem erloschenen Kerzen.

"Mal wieder länger wach gewesen? Na gut, jetzt schläfst du aber." Er schloß die Tür wieder und seine Schritte verrieten, daß er sich in Richtung der Bibliothek entfernte.

"Ich gehe jetzt wohl besser" sagte Barduk.

"Nein," sagte sie "deine Schritte wären zu laut, und außerdem will ich nicht, das du gehst."

"Ich kann schleichen, vertrau mir."

Sie stand auf und küßte ihn. Er verbrachte, und es war nicht die letzte, die Nacht in ihrem Bett. So ging es die nächsten zwei Monate weiter. Sie gingen mal in ein Restaurant essen, und sie zeigte ihm wie man richtig ißt. Er führte sie an die Felsklippen, und sie saßen die halbe Nacht in der Gischt der brüllenden Brandung. Barduk war sich sicher, sie war kein Kind, und er wollte sie nicht mehr verlieren, denn wenn er bei ihr war, hatte er ein merkwürdiges Gefühl im Magen. Er hatte zwar schon ein paar Huren von der Gosse gehabt, aber das war etwas anderes. Er glaubte beinahe, er hatte sich verliebt. Doch es konnte so auch nicht weitergehen. Irgendwann würde ihr Vater es merken. Und was sollte er dann sagen? Er konnte sich mittlerweile benehmen wie ein Adliger, aber er hatte keinen Stammbaum, keinen Titel. Außerdem konnte Illien ihm soviel geben und zeigen. Und er? Er konnte ihr allerhöchstens zeigen wie man sich auf der Straße verhält. Also beschloß er, ihr das Schmuckstück des teuersten Juweliers in Jangungen zu klauen. Er bereitete sich gut vor. Und dann sollte es eines Abends soweit sein. Er verabredete sich mit ihr an den Klippen. Barduk mußte nur noch beim Juwelier einsteigen und zu ihr zu rennen.

Doch nun, wo er die Kette hatte, saß er in der Klemme. Er hatte sich in einer Gosse hinter einer Kiste versteckt. Barduk atmete schwer und stoßweise und sein Herz schlug laut. Zu laut für seinen Geschmack. Er war einfach zu stark aufgeregt. Er hörte Pferdehufe auf sandigem Straßenbelag. Die Garde. Was sollte er nun tun? Warten bis sie ihn finden würden oder seine Orientierung in dem Labyrinth aus Gassen und Gossen, aus Kanälen und Brücken nutzen? Er entschloß sich für die zweite Wahl und rannte aus seinem Versteck.

"Da!" schrien die Gardisten hinter ihm. Mit ihren Pferden würden sie durch die versteckten und schmalen Gassen nicht so schnell wie er sein können. Doch mußte er, um seinen Vorteil zu nutzen, erst einmal eine kleine Gasse finden. Dort vorne. Noch 40 Fuß. 30-20-10. Ein stechender Schmerz durchzuckte sein rechtes Bein. Ein Armbrustbolzen hatte seinen Oberschenkel durchschlagen.

"Verdammt!" dachte er. Seine Sehnen und Muskeln konnten nicht mehr arbeiten und er schleppte sich mit zusammengebissenen Zähnen weiter. Doch die Garde erreichte ihn.

"Wer da?" fragten sie und ein schäbiges Lachen ertönte. Bardok konnte nichts sehen. Er lag mit dem Gesicht auf dem Pflaster und hielt sein Bein, das stark blutete. Jemand stieg von seinem Pferd und griff ihm in die Taschen. Er wollte sich wehren, doch schon traf ihn ein Schwertgriff am Hinterkopf. Ihm wurde schwarz vor Augen.

Als er erwachte, lag er in einem düsteren Raum. Es stank nach Kot und Verwestem. Es war der Kerker. Die Wache, die er schemenhaft erkennen konnte, stand ihm zugewandt und sagte:" Mein Junge, heute früh bei Sonnenaufgang geht's aufs Schaffot. Du wirst einen Kopf kürzer gemacht."

Bardok schluckte. Was würde Illien machen. Sie wußte ja nicht was er vorgehabt hatte. Einzelne Tränen liefen über seine Wangen. Doch er brachte keinen Ton heraus. Er erkannte, dass dies sein letzter Abend war und er Illien nie wieder sehen würde. Es regnete draußen. Wasser drang durch das vergitterte Fenster in seinen Kerker. Und in dieser finsteren Nacht konnte man trotz der Brandung und dem melodischen Plätschern der Regentropfen den Namen seiner Geliebten, den er in die Nacht brüllte, hören. Der leichte Schimmer im Westen ließ nur erahnen, das bald die Sonne aufgehen würde.


Hintergrund

FantasyForest hat ihn in seinem Bann: nach 'Erdin's Weg' erzählt Hermann nun eine weitere Geschichte aus Jangungen. Erdin aus Jangungen fand in der Tundra seine Bestimmung und nun ist es Bardok, dessen Geschichte erzählt wird. Damit gehört Hermann bereits jetzt zu den alteingesessenen Barden im FantasyForest. Wahrlich ein würdiges Mitglied in der Gilde der Erzähler. Mögen Hermann's Ideen nie versiegen und er auch weiter seine Geschichten im Wald der Phantasie erzählen ;o)